Zur ostpreußischen Theatergeschichte

Betrachtet man den Zeitraum vom 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, so weist die ostpreußische Theaterlandschaft gegenüber dem übrigen Reichsgebiet neben vielen Übereinstimmungen manche charakteristischen Abweichungen auf.

Die Gemeinsamkeiten überwiegen: Sieht man einmal davon ab, wie sich die Bühnengeschichte des deutschsprachigen Raums bis 1800 entwickelt hat, kann für das 19. Jahr­hundert gesagt werden, dass in den deutschen Staaten und in Österreich/Ungarn, aber auch in der Schweiz, dem Baltikum, sogar in den Regionen der Vereinigten Staaten mit großem Anteil deutschstämmiger Bevölkerung deutschsprachige Theater in fast unüberschaubarer Zahl entstehen: meist in festen Häusern, oft von den Höfen getragen, immer häufiger aber auch von den Städten, mitunter von eigens hierfür gegründeten Gesellschaften oder Einzelpersonen. Zunehmend schafft sich das erstarkende und immer selbstbewusstere Bürgertum Institutionen, die vermeintlich oder tatsächlich seine kulturelle Identität widerspiegeln oder erst entwickeln. Manche Theater (Wien, Berlin, München, Stuttgart, Mannheim, Hamburg) scheinen, auch wenn sich Name, Domizil, Betriebsform oder Eigentumsverhältnisse ändern, wie für die Ewigkeit gemacht, andere gewinnen und behaupten ihren Ruf über Generationen (hierzu zählt das Stadttheater Königsberg). Wieder andere kommen und verschwinden nach kurzer Zeit. Auch in diesem Fall ist landauf, landab zu beobachten, wie örtliche Initiativen zu bisweilen abermals kurzlebigen Neugründungen führen, wie Gemeinschaftsprojekte mit benachbarten, aber auch hunderte Kilometer entfernten Standorten zustande kommen. Im 20. Jahrhundert entstehen in diesem Zusammenhang vielerorts Verbundlösungen, bei denen das Theater einer mittelgroßen Stadt die Orte der ländlichen Umgebung bespielt: Ostpreußische Modelle dieser Variante sind die Theater in Allen­stein, Memel und Tilsit. Um 1900 ist die expansive Entwicklung der Theaterlandschaft nicht abgeschlossen, aber das Theater hat seinen festen und selbstverständlichen Platz in der deutschen Kulturlandschaft.

Dieses Portal hat einen Schwerpunkt in der Theatergeschichte Ostpreußens im 20. Jahrhundert. Deshalb kommen regionale Aspekte ins Spiel, die hier und nur hier wirksam werden konnten. Da ist die Randlage, die zwar schon vor der Reichsgründung 1871 als östlichste und nördlichste Provinz des Königtums Preußen bzw. des Norddeutschen Bundes bestand, danach aber durch Hinzutreten weiterer westlicher und vor allem südlicher Gebiete zum Deutschen Reich erst recht deutlich wurde. Da sind Auswirkungen des Ersten Weltkriegs (Teilbesetzung durch russische Truppen 1914/15, polnischer Korridor und damit Verstärkung der Randlage, zeitweiliges Abtreten des Memellandes bis 1939, Unsicherheit über die Zugehörigkeit Masurens bis zur Volksabstimmung 1920), da sind ostpreußische Besonderheiten des Zweiten Weltkriegs (Annexion des bis dahin polnischen Gebietes um Ciechanów als Regierungsbezirk Zichenau und seine Auswirkung auf die Theaterversorgung; Truppenbetreuung in Ostpreußen und in besetzten Gebieten), vor allem aber der Ausgang des Krieges und damit das Ende der deutsch-geprägten Geschichte Ostpreußens.

Der letzterwähnte Aspekt liefert auch die Begründung für das hier vorgestellte Projekt. Mehr als 65 Jahre liegen die deutschen Theateraufführungen in Ostpreußen zurück. Es wird mit fortschreitender Zeit nicht leichter, das reichhaltige Theaterangebot der abgelegenen ehemaligen Provinz zu dokumentieren. Dieses Netzportal soll dazu einen Beitrag leisten.