Quellenlage

Müsste man sich auf lokale Quellen stützen, um die Spielpläne der ostpreußischen Theater möglichst vollständig zusammenzustellen, wäre dies ein aussichtsloses Unterfangen. Schon in der heutigen Bundesrepublik Deutschland ist es ein seltener Glücksfall, wenn die Sammlungen von Theater- und Zeitungsarchiven die langjährige Programmgestaltung eines Theaters zu rekonstruieren erlauben. Für Ostpreußen ist dieser Weg verschlossen, weil regionale Archive und Bibliotheken mit Beständen aus der deutschen Zeit nicht mehr zur Verfügung stehen. – Zu einer bedeutenden Sammlung von Königsberger Aushangzetteln aus dem 19. Jahrhundert s. aber unter dem Menü Theaterzettel.

Abhilfe verbürgen hier zwei traditionsreiche Publikationen, die seit langer Zeit wesentliche Informationen über deutschsprachige Theater dokumentieren, das „Deutsche Bühnen-Jahrbuch“ und der „Deutsche Bühnen-Spielplan“.

Das Deutsche Bühnen-Jahrbuch (DBJ) wird von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) herausgegeben. Nach der aktuellen Eigenangabe der GDBA enthält jeder Jahresband

"auf ca. 1.100 Seiten die Personalverzeichnisse der Bühnen in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich, der deutschsprachigen Bühnen in der Schweiz sowie die Anschriften weiterer wichtiger Theater in Europa. Außerdem: Informationen über Rundfunk- und Fernsehanstalten, Orchester, Festspiele, Verbände aus den Bereichen Theater, Film und Funk, eine Jahreschronik mit Künstlerdaten und den deutschsprachigen Uraufführungen, Statistiken, das Künstler-FOTO-Archiv und ein umfangreiches Namensregister."

Die Herausgeberschaft des DBJ hat im letzten Jahrhundert – vor allem durch die „Kulturrevolution“ des Dritten Reichs – mehrfach gewechselt. Die Zeitschrift folgte 1915 dem „Neuen Theater-Almanach", dem wiederum bis 1889 „Gettke’s Bühnenalmanach" und der "Deutsche Bühnen-Almanch" (1854–1893) vorausgegangen war. – Davor gab es weitere ähnliche Publikationen, so etwa das "Repertorium der königl. deutschen und französischen Schauspiele" (1829–1835), "Wolffs Almanach für Freunde der Schauspielkunst" (1836–1853), das "Taschenbuch für Schauspieler und Schauspielfreunde" (1816-1823) oder noch früher Ifflands „Almanach für Theater und Theaterfreunde" (1806–1811).

Das DBJ liefert demjenigen wertvolle Informationen, der sich rückblickend über Eckdaten eines Theaters informieren will (Trägerschaft, Organisationsform, Verwaltung, Gebäude, künstlerisches und technisches Personal, Gastauftritte, zur Aufführung gebrachte Neuheiten). – Früher wie heute kann man nicht davon ausgehen, dass alle Theater erfasst wurden, weil vor allem kleinere und kurzlebige Einrichtungen ihre Angaben der Redaktion des DBJ nicht immer mitteilten.

Ein Beispiel: Der Eintrag über das Neue Schauspielhaus Königsberg im DBJ 1919 ist hier verlinkt: DBJ 1919

Der Deutsche Bühnen-Spielplan (BSP) erschien von der Spielzeit 1896/97 bis 1943/44 und führte in monatlichen Lieferungen die Spielpläne der deutschsprachigen Theater an. (Nachfolgepublikation seit 1954/55 war „Der Spielplan der deutschen Bühnen“, dann ab 1965 „Der Spielplan“). Der BSP ist heute nur noch in drei deutschen Bibliotheken vollständig erhalten, in der Deutschen Staatsbibliothek Berlin, die ihrerseits eine Mikrofiche-Version anbietet, der Bayerischen Staatsbibliothek München und dem Theaterwissenschaftlichen Institut der Universität Köln.

Der BSP ist die Hauptquelle für die Spielzeitübersichten dieses Netzportals. Seine Angaben sind im Wesentlichen verlässlich. Die Hauptschwäche liegt in Lücken, die dadurch entstanden, dass die Theaterintendanzen ihre Monatsmeldungen gelegentlich nicht an die Redaktion des BSP schickten, vor allem in Zeiten größeren Umbruchs und am Anfang oder Ende einer Theaterexistenz. Kleinere Theater nahmen auch für mehrere Spielzeiten oder für immer ihre Chance nicht wahr, ihren Spielplan deutschlandweit bekanntzumachen.

Eine Analyse zeigt, dass die Angaben zu Erstaufführungen und Neuaufnahmen oft ungenau sind. Besonders nach Intendantenwechseln wurde oft eine Neuinszenierung als Erstaufführung ausgegeben. Die Angaben im BSP wurden jedoch stillschweigend in dieses Portal übernommen.

Der BSP stellte mit der Aprilausgabe 1944 sein Erscheinen ein, so dass zzt. die Restspielzeit 1943/44 nicht zu rekonstruieren ist. Reichspropagandaminister Goebbels verfügte zum September 1944 die Schließung aller deutschen Theater, um die letzten personellen Ressourcen für den totalen Krieg zu rekrutieren. Die meisten männlichen Künstler wurden zum Volkssturm eingezogen.

Hier wird exemplarisch der letzte Monatsspielplan des Grenzlandtheaters Tilsit vom April 1944 dokumentiert:

Zu einem Beispiel aus dem BSP vom September 1903 führt der folgende Link: BSP 09-1903.

Für dieses Netzportal wurden die Exemplare des DBJ und des BSP aus den Beständen der Bibliothek des Theaterwissenschaftlichen Instituts der Universität Köln ausgewertet, die sich in Schloss Wahn befinden.

Etlichen der oben erwähnten Lücken im BSP konnte in bescheidenem Umfang abgeholfen werden. Ein Beispiel: Beim Neuen Schauspielhaus Königsberg sucht man Angaben zur Spielzeit 1915/16, der ersten unter der Intendanz von Leopold Jessner vergebens, aber eine Festschrift aus dem Jahr 1927 anlässlich des Umzugs in ein anderes Gebäude und wenige vorhandene Theaterzettel dieser Saison ermöglichen einige Angaben zum Spielplan.