Schröttersburg

Die Zweigbühne Schröttersburg

 

Vorab eine Übersicht über Namensänderungen derjenigen Orte im annektierten Regierungsbezirk Zichenau, in denen das Landestheater Südostpreußen Theateraufführungen veranstaltete. Die deutschen Bezeichnungen von 1942, die von 1939 und die polnischen stehen nebeneinander. Im folgenden Text und in den Spielplänen wird der jeweils aktuell geltende Name benutzt.

1942 1939 polnisch
Mackeim Makow Maków
Mielau Mlawa Mława
Nasielsk Nasielsk Nasielsk
Neuhof Novy Dwór
Ostenburg Pultusk Pułtusk
Praschnitz Praschnitz Przasnycz
Scharfenwiese Ostrolenka Ostrołęka
Schröttersburg Plock Płock
Sichelberg Schirps Sierpc
Zichenau Zichenau Ciechanów

 

Bereits wenige Wochen nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs waren weite Gebiete Polens von deutschen Truppen besetzt; den anderen Teil hatte die Rote Armee okkupiert. Im Hitler-Stalin-Pakt waren die beiderseitigen Gebietsansprüche vorher geregelt worden. Bald wurden Theateraufführungen für die Truppe organisiert. Vom ersten Theaterbesuch des Allensteiner Theaters am 17. Oktober 1939 in Ostrolenka wird im übergeordneten Menüpunkt berichtet.
Noch 1939 wurde ein Teil des eroberten Gebiets als Regierungsbezirk Zichenau (gelegentlich auch Südostpreußen genannt) der Provinz Ostpreußen zugeschlagen.

Die bisherige Literatur über Allenstein umgeht das, was nun auf das Theater zukam, weitgehend. Lediglich Anton Funk schreibt in seiner Monografie (S. 359):

Als nach der Niederwerfung Polens der Regierungsbezirk Zichenau gebildet und unter die Verwaltung der Provinz Ostpreußen gestellt wurde, erhielt das Landestheater Allenstein die Aufgabe, das neuerworbene Gebiet zu betreuen. Es wurden nun 36 Städte in den Bezirken Allenstein und Zichenau bespielt. Diese Aufgabe war nicht leicht durchzuführen, das Landestheater spielte manchmal an einem Abend in drei verschiedenen Städten und dazu wurde eine große Zahl von Künstlern benötigt. [Anschließend führt Funk zehn Spielorte auf].

Hier nun einige Fakten, die, soweit sie das Allensteiner Theater betreffen, aus zeitgenössischen Quellen stammen.

Zur Wahrnehmung der neuen Aufgaben wurde eine Zweigbühne des Theaters in Plock eingerichtet. Das DBJ 1941 berichtet, dass Ernst Theiling neben seinen Leitungsaufgaben in Allenstein „zugl. Intendant des Kurtheaters Samland und des Landestheaters Süd-Ostpreußen Regierungsbezirk Zichenau, Sitz Plock“ sei. Und bei einem Teil des künstlerischen Personals wird angemerkt: „Die mit * bezeichneten Mitglieder sind in Plock (Südostpreußen) stationiert u. bespielen den Regierungsbezirk Zichenau.“

Die Zweigbühne arbeitete zunächst wie ein Provisorium, entwickelte sich aber schnell zu einer feststehenden Einrichtung. 1939/40 wurde ein Kulturhaus erbaut und am 20. Februar 1941 seiner Bestimmung übergeben, wie der folgende Ausschnitt aus dem DBJ 1942 (S. 215) belegt, publiziert nach der Umbenennung von Plock in Schröttersburg.

Zur Eröffnung des Kulturhauses Schröttersburg wurde die „Fledermaus“ gegeben; es reiste also die „Musikabteilung“ aus Allenstein an, während sonst im Bezirk Zichenau nur Sprechtheater angeboten wurde. Wenn es tatsächlich einmal Musiktheater gab, wurde dieses mit Personal aus Allenstein bestritten (Mai 1940: Kollo – Drei alte Schachteln; März 1941: Lortzing – Der Wildschütz; April 1942: Rossini – Der Barbier von Sevilla; Juli 1942: Kollo – Die Frau ohne Kuss; Januar 1944: Bunter Tanzabend).

Es versteht sich, dass die politische Führung des Dritten Reichs Theaterangebote nur für Deutsche wollte. Der Zugang war Polen verboten. Mehr noch: Die polnische Intelligenz war unter der Militärverwaltung der ersten Kriegsmonate durch speziell eingerichtete Einsatzgruppen weitgehend liquidiert worden (s. hierzu beispielsweise den Wikipedia-Artikel Deutsche Besetzung Polens 1939–1945). Dies muss man sich immer vor Augen führen, wenn man über deutsche Theateraufführungen im Regierungsbezirk Zichenau spricht. Hier wurde Theater für die Herrenrasse gemacht.

Die Theaterverwaltung muss sich dieser Besonderheit bewusst gewesen sein. Wieweit das auf die Ensemblemitglieder ebenfalls zutrifft, kann heute nicht verlässlich beurteilt werden. Viele Schauspieler werden zufrieden gewesen sein, dass sie im Kriege ihrem Beruf weiter nachgehen konnten und dass sie den Soldaten und dem deutschen Bevölkerungsanteil Entspannung und Ablenkung verschafften.

Die Spielpläne waren typisch für ein Wandertheater: Ein neues Stück wurde einstudiert und dann an allen Spielorten aufgeführt. Danach kam ein anderes Stück an die Reihe. Die Programmgestaltung und Personalplanung am Allensteiner Zentralstandort entwickelte sich hiervon weitgehend unabhängig. Gelegentlich kam es vor, dass die Schröttersburger Zweigbühne auch (wenige) Vorstellungen im Stammgebiet des Allensteiner Theaters gab. Umgekehrt kam es hin und wieder auch zu „Gastspielen“ des Allensteiner Ensembles im Bezirk Zichenau.

Hier gibt es eine Übersicht über das Theaterangebot im Regierungsbezirk Zichenau (Details s. Spielpläne).