Aufruf zum Theaterbau

Der Aufruf zum Bau des Neuen Schauspielhauses

Das Königsberger Stadttheater am Paradeplatz, bzw. das Opernhaus, wie es – obwohl bereits ab 1924 als reines Musiktheater agierend – seit 1928 offiziell genannt wurde, ist im ersten Jahrzehnt des 19. Jhs. erbaut worden. Wie es zu dem Bau kam, wer den Anstoß gab, wie er finanziert wurde, ist am ausführlichsten 1935 von Erhard Roß in seiner Dissertation „Geschichte des Königsberger Theaters von 1811 bis 1834“ (S. 17ff.) beschrieben worden.

Frühere Autoren, hier sind vorab zu nennen Ernst Moser (1902) und Ida Peper (1928), erwähnen diesen Vorgang eher kursorisch, auch wenn der Titel ihrer Veröffentlichungen andere Erwartungen weckt.

Spätere Berichterstatter, z. B. Erwin Kroll, haben sich in ihren Darstellungen auf Roß stützen können. Der berichtet (S. 18), dass Privatleute in vielen deutschen Orten zur Finanzierung von Theaterneubauten Aktiengesellschaften gründeten, so etwa auch in Breslau, Bremen, Bautzen, Magdeburg, Danzig, Elberfeld, Leipzig, Stralsund, Hamburg und Heidelberg. In Königsberg wurde am 18. November 1804 in der Königsberger Staats-, Kriegs- und Friedenszeitung die Gründung einer Aktiengesellschaft mit dem Ziel der Finanzierung eines Theaterneubaus angekündigt.

Aus heutiger Sicht, wo die alten Zeitungsjahrgänge wegen ihrer Vernichtung am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr zur Verfügung stehen, wäre es nun von großem Interesse zu erfahren, wie diese Ankündigung ausgesehen haben mag. Roß schreibt nur, dass die Unterzeichner die „Herren Geh. Ober.-Finanzrat Stägemann, Kriegs- und Domänenrat Valerian Müller und Kriegs- und Domänenrat Wißmann“ gewesen seien.

Als Resultat dieses Aufrufs habe sich eine Reihe von Aktionären „aus der hohen Beamtenschaft, dem Adel und der Kaufmannschaft“ gefunden:

Pol.-Präs. von Stein, Dr. Tortilovius, Forstrat Jester, Kriminalrat Brandt, Kanonikus von Lange, General-Landschaftsdirektor Baron von Korff, General-Landschaftsdirektor von Schieben, Major Graf von Kalnein, Buchhändler Nicolovius, Kommerzienrat Prien, Kommerzienrat Schwinck, Direktor Hamann, General-Landschaftsrat Brausewetter, Medizinal- und Kriminalrat Frey, Geh. Oberfinanzrat Stägemann, Stadtrat Glagau, Stadtrat Friedländer, Stadtrat Hagedorn, die Kaufleute Wolf Oppenheim, Jacobi, Isaak Jasper, Stolzenberg, Negotiant Deetz.

Das Interesse am Wortlaut dieser „Stiftungsurkunde“ des Königsberger Theatergebäudes wird sofort deutlich, wenn man bedenkt, dass die Aktiengesellschaft bis 1933 bestand und jeder Theaterdirektor seinen Vertrag mit dieser Gesellschaft abzuschließen hatte.

Mit diesem Dokument fiel der Startschuss für eine wirtschaftliche Konstruktion mit Folgen: Wer die Form einer Aktiengesellschaft wählt, möchte verdienen. In den nächsten Jahrzehnten wurde das Theatergebäude an Theaterdirektoren vermietet. Sie waren i.a. für die künstlerische wie für die geschäftliche Seite der Unternehmung verantwortlich.

Die ökonomischen Zwänge waren oft brutal. Der Direktor

  • musste nicht nur das künstlerische und technische Personal einstellen und bezahlen,
  • hatte an die Theater-Aktiengesellschaft eine beträchtliche Miete zu entrichten,
  • hatte gewöhnlich für die Bühnenausstattung zu sorgen, die über die vorhandene Grundeinrichtung der Bühnenanlage und Stammdekorationen hinausging; dazu bezahlte er Bühnenmaler. Die Sorge für die Garderoben des darstellenden Personals oblag ihm ebenfalls. Er gab diese Verpflichtung oft genug an seine Akteure weiter; junge, unverheiratete Schauspielerinnen ließen sich deshalb oft von Wohlhabenden aushalten.
  • verpflichtete sich, gelegentlich den Erlös einer Veranstaltung voll abzuführen (so etwa Benefizvorstellungen für die städtischen Armen).

Diejenigen Faktoren, die der Direktor unmittelbar beeinflussen konnte, waren die Personalkosten und die Programmgestaltung. Bei Gagen wurde oft gegeizt; nicht immer konnten sie wie vereinbart gezahlt werden. Auf gute Künstler musste zugunsten schwächerer oder unerfahrener verzichtet werden. Das Programm hatte die Vorlieben und Abneigungen des örtlichen Publikums zu berücksichtigen, damit das Theater halbwegs gefüllt war. Der „Luxus“ einer anspruchsvollen Aufführung, die schlecht besucht war, musste oft genug mit einer Reihe künstlerisch minderwertiger Stücke erkauft werden. Dem Ruf des Publikums nach Gastspielen bekannter Stars, häufig solcher auf der Durchreise ins Baltikum und nach St. Petersburg bzw. umgekehrt, entsprach man durch erhöhte Eintrittspreise, die vermögende Theaterbesucher, vor allem Kaufleute, durchaus bereit waren zu zahlen. Proben mit den Gästen fanden allerdings kaum statt, was der Qualität der Aufführung nicht zugutekam; aber man hatte seinen berühmten Künstlergast gesehen und gehört, und der Direktor freute sich über eine ordentliche Einnahme.

Entsprach ein Direktor diesen Anforderungen nicht, kam es zum finanziellen Fiasko, und er musste aufgeben. – Daneben gab es immer wieder einmal Querelen mit Schauspielern, die dann Königsberg umgehend verließen. Waren sie Publikumslieblinge, blieben die Besucher aus und brachten den Impresario in Schwierigkeiten. Ein Beispiel ist das Ende der Tätigkeit Carl Steinbergs 1806, dessen Umstände in einem eigenen Beitrag beleuchtet werden. Auch die Endphase des Direktorats August von Kotzebues im Herbst 1815 wurde durch solche Streitigkeiten erheblich beeinflusst.

Für das Königsberger Theater verliefen vor allem die Jahre bis etwa 1820 chaotisch. Die politischen Rahmenbedingungen – u.a. bedingt durch die zweimalige Besetzung Königsbergs durch französische Truppen – schwächten zudem das Interesse der Königsberger an ihrem Theater. Die Geschäfte der Kaufmannschaft liefen schlecht, der Handel mit Livland, Kurland, Estland und Russland war stark eingeschränkt.

Als man sich in Königsberg an den Bau des neuen Theatergebäudes machte, waren diese Schwierigkeiten noch nicht abzusehen, machten sich dann aber einschneidend bemerkbar. Zudem mussten die Theaterdirektoren wie die Vertreter der Aktionäre, die sog. Theater-Administration, erst lernen, miteinander umzugehen.

Wer dies aus heutiger Sicht beurteilt, darf nicht vergessen, dass öffentlich subventionierte Theater im 19. Jh. allenfalls in den Residenzstädten zu finden waren. Zwar war Königsberg die „dritte Residenzstadt“ Preußens, sein Theater nannte sich gar für mehrere Jahrzehnte „Theater der Königl. Haupt- und Residenzstadt Königsberg“, die Unterstützung aus der Hofschatulle war aber eher marginal und beschränkte sich auf das Dauerabonnement der Königsloge und seltene finanzielle Zuschüsse aus besonderem Anlass.

Das alles unterstreicht die obige Bemerkung, man wüsste gerne den Wortlaut des Aufrufs von 1804 zum Bau des neuen Theatergebäudes. Da trifft es sich gut, dass in der Sammlung Königsberger Theaterzettel (1804–1873), die sich in den Beständen des Archivs Darstellende Kunst der Akademie der Künste befindet und an anderer Stelle dieses Portals eingehend gewürdigt und ausgewertet wird, ein Exemplar dieser Ankündigung als Sonderdruck enthalten ist. Die „Ankündigung“ findet sich nach Art eines Flugblatts auf einem doppelseitig bedruckten Blatt und ist hier in einer Transkription zu erreichen.