Ein Denkmal für Lotte Simon

Wir wissen kaum etwas über Charlotte Simon (oder Lotte, wie sie allgemein genannt wurde): Königsberger Jüdin, etwa 1896 geboren, 1932 früh- und rechtzeitig aus Deutschland emigriert, in New York als Biologin berufstätig und dort 95-jährig gestorben. Es gibt kein Foto und keine näheren Hinweise auf ihre späteren Lebensumstände.

Und doch: Lotte Simon verdanken wir fast unser ganzes Wissen über wichtige Kapitel der Königsberger Musikgeschichte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, insbesondere über den Königsberger Musikverein und über die ersten acht Jahre (1924–1932) des Wirkens von Hugo Hartung in Königsberg.

Die Geschichte ist abenteuerlich: Um den Jahreswechsel 1994/95 erhielt Annina Hartung, die Witwe Hugo Hartungs, Post aus Israel. Absender war Ernst Hurwitz, den Annina Hartung noch aus Königsberg kannte. Der Originalbrief, den Hurwitz seiner Sendung beilegte, ist derzeit nicht auffindbar, aber Annina Hartung machte einen Auszug:

Heute schreibe ich in einer bestimmten Angelegenheit: Ich weiß nicht, ob Sie sich an die Existenz von Lotte Simon erinnern können, die zu dem Kreis gehörte, der mit der Arbeit Ihres Mannes sehr verbunden war: mit der Geige im Liebhaberorchester und auch als Sängerin im Frauenchor. Sie sammelte reiches Material an Programmen, Kritiken und allem, was mit ihrer musikalischen Tätigkeit zusammenhing. Von Beruf war sie Biologin. In ihrer Sammlung befand sich noch ‚vorhartungsches‘ Material aus der Zeit von Scheinflug und anderen. Ich besuchte L S. in New York im Jahre 1981 und verbrachte einige sehr nette Stunden, gewürzt durch viele Erinnerungen vor allem an die Tätigkeit Ihres Mannes. Ihre gesamte Sammlung nahm sie von Königsberg mit nach New York, und da sie damals schon fast 85 Jahre zählte ... hegte sie den Plan, mir das Material zu ‚vererben‘ ... Im Alter von über 95 Jahren schloß sie die Augen, und die Sachen trafen tatsächlich bei mir ein. Jetzt bin ich so alt, daran zu denken, wohin mit den alten Erinnerungen, und so denke ich daran, daß es das beste ist, wenn sie an Ihre Adresse kommem ...

Ernst Hurwitz (1914–1996) hatte in Königsberg das Hufengymnasium besucht und dort Hugo Hartung als Musiklehrer und Chorleiter erlebt. Dabei muss er auch Lotte Simon kennengelernt haben. Ernst Hurwitz hat seinen Weg nach der Emigration in Israel gemacht. Die Lebensgeschichte ist im Internet dokumentiert und kann hier über einen Link angesteuert werden.

Annina Hartung ergänzte:

Erst durch diesen Brief erfuhr ich, daß Lotte Simon nach USA emigriert war. Sie war nicht mehr zu den Orchesterproben der Philharmonie gekommen – ebenso wie andere jüdische Mitglieder –, als der Naziterror ihre weitere Mitwirkung unmöglich machte.

Für mich war es ein großes Geschenk, die Programme und Rezensionen der Jahre 1924 bis 1932 in Händen zu halten … Viele Erinnerungen wurden wach, viele Namen erinnerten an Menschen, die unter Hugos Leitung zu großen Musikerlebnissen beigetragen hatten. So manches große Werk, in dem ich – zunächst im Frauenchor, dann in der Singakademie oder in der Philharmonie – mitgesungen oder mitgespielt hatte, erklang in mir in Hugos Interpretation von neuem.

Von Königsberg über Amerika und Israel waren diese für mich und meine Familie so wertvollen Dokumente zu mir nach Berlin gelangt. Sollten meine Familie und ich allein die Schätze auskosten können? Das durfte nicht sein.

Vorsichtig wurden die Programme und die zum Teil schon zerfallenen Zeitungsausschnitte mit den Rezensionen abgelichtet und werden nun allen zugänglich gemacht, die auch den Biographieordner erhalten haben, nicht zuletzt das Königsberg-Museum in Duisburg.

Dank sei auch hier Ernst Hurwitz gesagt, der mir das wertvolle Material zugesandt hat.

Das ist Anlass genug, Lotte Simon hier ein kleines Denkmal zu setzen: Eine Jüdin, die seit 1912 vielfältig am Königsberger Musikleben teilgenommen hat, verlässt aus Furcht vor den Nazis Königsberg und Deutschland, nimmt ihre gesammelten Musikerinnerungen mit und gibt sie am Ende ihres Lebens nach Israel an einen Freund aus Königsberg. Von dort gelangen sie über Annina Hartung 1995 in das Museum Stadt Königsberg. Hier stellt sich bei der Sichtung Anfang 2011 heraus, dass das Material einzigartig ist. Es gibt Auskunft über Kapitel der Königsberger Musikgeschichte, deren Details sonst im Dunkeln bleiben müssten. – Höchst ungewöhnlich und zu großem Dank verpflichtend.

Das Menü über Lotte Simon ist wie folgt gegliedert: