Lotte Simon: Zur Person

Die von Lotte Simon gesammelten Dokumente erlauben einige Rückschlüsse auf sie selbst. So bleibt ihre Existenz – was ihre Königsberger Zeit betrifft – nicht völlig im Dunkeln.

Nach Angaben von Ernst Hurwitz, der sie 1981 in New York besuchte, war sie damals fast 85 Jahre alt; sie muss also 1896 oder 1897 geboren sein. Der Bericht des Königsberger Musikvereins „über das 18., 19. und 20. Vereinsjahr. September 1913 bis Mai 1916“ weist aus, dass Charlotte Simon seit 1912 Mitglied war; sie hat also bereits mit 15 oder 16 Jahren im Orchester mitgespielt.

Zu den Mitgliedern, und zwar seit der Gründung des Vereins im Jahr 1896, gehörte auch „Konsul G. Simon“. Gustav Simon ist im Königsberger Kulturleben an anderer Stelle nachweisbar. Er war von 1895 bis 1913 Mitglied des Aufsichtsrats des Königsberger Stadttheaters. Er wird hier bis 1899 als Kaufmann, dann als Consul und Rittmeister a. D., ab 1911 nur noch als Konsul bezeichnet. Die Wohnung war in der Königstr. 81, ab 1902 in der Münzstr. 7 (Quelle: Neuer Theater-Almanach, Jgg. 1895 bis 1913). Die Vermutung, Lotte sei die Tochter oder Enkelin von Gustav, trifft jedoch nicht zu. Wohl aber ist eine verwandtschaftliche Beziehung zu vermuten, denn die Simons bildeten seit Generationen eine aufgefächerte Bankiersdynastie in Königsberg.

Lotte Simon blieb dem Musikverein treu, auch nachdem er 1919 mit der Philharmonie fusionierte und als Philharmonie und Musikverein fortbestand. Damit hatte sie ab 1924 immer wieder mit Hugo Hartung zu tun und trat auch dem von ihm 1925 gegründeten Frauenchor bei, der mit dem ebenfalls von Hartung geleiteten Sängerverein, einem Männerchor, zur Aufführung der großen Oratorien gemeinsam auftrat.

Daneben war Lotte Simon als Geigerin immer wieder einmal bei anderen Veranstaltungen tätig. Walter Eschenbach etwa bat sie in einem erhaltenen Brief vom 9.11.1916 darum, bei der ersten Aufführung des gerade gegründeten Bach-Vereins Königsberg mitzuwirken, als im Dom am 26. November eine Kantate von Georg-Böhm und zwei Bach-Kantaten aufgeführt wurden. Da Eschenbach schreibt, er bitte sie darum, wieder mitzuwirken, hat Lotte Simon schon vorher bei ihm gespielt.

Zwei Briefe Hugo Hartungs an Lotte Simon werfen Licht auf Details, die nur mittelbar mit aktuellen Musikereignissen zu tun hatten.
Am 14. 9.1925 schrieb Hugo Hartung an das „sehr verehrte gnädige Fräulein“, das damals in der Goltzallee 14 wohnte:

Am kommenden Mittwoch den 16. September abends 8 Uhr beginnen im Hufengymnasium (II Treppen) die Proben des Institutsorchesters. Ich bitte Sie nochmals um Ihre Mitwirkung und um Besuch dieser ersten Probe.

Da ich die Adresse von Fräulein Cohn nicht habe, bitte ich Sie sehr, Ihre „Frau“ mitzubringen. Herr Wieck wollte ihr empfehlen, Bratsche zu spielen.

Dieser Brief zeigt, dass Lotte Simon vielfältig als Geigerin gefragt war. (Hier ging es um die erste Probe zu Haydns Schöpfung, die Anfang Dezember in der Stadthalle aufgeführt wurde und bei der – so der Kritiker der Königsberger Allgemeinen Zeitung – der schätzungsweise ca. 120 bis 150 „Mann“ starke Chor des Hufengymnasiums im Mittelpunkt des Interesses stand).

In einem Brief vom 28.5.1927 schrieb Hartung an Lotte Simon:

. . . Ich bitte Sie zu berücksichtigen, daß die Aufführung gelegentlich des Deutsch-evangelischen Kirchentages steigt, daß wir also vorsichtig sein müssen, um nicht konservativ eingestellte Juden zu verletzen. Bei Ihren liberalen Glaubensgenossen hoffe ich auf Interesse für die musikalische Sache. Im übrigen: Arnold Mendelssohn ist als Großneffe von Felix Mendelssohn ja auch Jude, der Abstammung nach, und die Musik kennt überhaupt keine Konfession.

Hier klingen zum einen Spannungen zwischen orthodoxen und liberalen Juden in Königsberg an – am Ende des 19. Jahrhunderts waren viele orthodoxe Juden anlässlich eines Pogroms aus Russland nach Deutschland geflohen; eine größere Zahl blieb in Königsberg –, andererseits zeigt sich wieder einmal, dass Königsberger Christen und Juden in den zwanziger Jahren reibungsfrei und unkompliziert miteinander leben und arbeiten konnten.