Ernst Otto Nodnagel: Roman – Nachwort

Am 1. August 1893 kam Ernst Otto Nodnagel im Alter von 23 Jahren aus Berlin in die ostpreußische Kreisstadt Stallupönen, um dort die Stelle des Musikdirektors anzutreten. Seine Kernaufgabe bestand in der künstlerischen Leitung des Männergesangvereins Liedertafel. Die zunächst für ein Jahr vorgesehene Tätigkeit endete allerdings schon im Oktober 1893, weil die künstlerischen Vorstellungen Nodnagels und die örtlichen Erwartungen an den neuen Musikdirektor zu weit auseinander lagen. Zudem stand der Großstadtmensch Nodnagel den Gepflogenheiten einer abgelegenen Kleinstadt in der Provinz völlig verständnis- und hilflos gegenüber.

Mehr als zehn Jahre später, im März und April 1904, brachte Nodnagel seine Erinnerungen an die Stallupöner Zeit in einem Roman zu Papier. Das Manuskript, bestehend aus zwei Kladden mit 182 beschriebenen Seiten, blieb unveröffentlicht und kam mit Nodnagels Nachlass 1970 aus den Händen seiner Tochter Dr. Atha Gruhle als Stiftung in das Westfälische Musikarchiv Hagen (WMA), wo ich es bei der Feinerfassung der Archivbestände im September 2003 erstmals in Händen hielt. Da ich mich als gebürtiger Königsberger ab 2008 eingehender mit der Musikgeschichte Königsbergs und Ostpreußens zu beschäftigen begann, kam Nodnagels Roman wieder in Erinnerung, zumal mein Großonkel Wilhelm Meyer-Stolzenau (1868–1950) von 1901 bis 1906 als Musikdirektor in Gumbinnen auch in Stallupönen der Dirigent der Liedertafel wie des Frauenchors war.

[Hier folgt die kurze Vita Nodnagels, die unter einem eigenen Menüpunkt angesteuert werden kann].

Jeder Roman ist in erster Linie ein fiktionaler Text, oft mit literarischem Anspruch. Nodnagels Roman ist klar aufgebaut, flüssig geschrieben; der Autor erweist sich als geübter Stilist. Die Handlung zeigt das Scheitern eines jungen Musikers in einer ostpreußischen Kleinstadt; sie wird angereichert mit einer sehr sentimental geschilderten, zudem völlig lebensfremden Liebesgeschichte und mehreren kleinen amourösen Episoden. Es wird erkennbar, dass der Verfasser mit dem Schreibvorgang in der Romanfigur des Andreas Marolt eigenes Erleben aufarbeitet. Unter diesen Gesichtspunkten kommt dem Roman allerdings keine herausgehobene Bedeutung zu. –

Das ändert sich abrupt, wenn man fragt, wie weit reale Örtlichkeiten, Personen und Begebenheiten Niederschlag gefunden haben, umso mehr, als in diesem Fall nur selten auf Spekulationen zurückgegriffen werden muss, vielmehr handfeste Belege angeführt werden können. Dieser Aspekt gewinnt zusätzlich ganz ungewöhnliches Gewicht, weil Stallupönen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Charakter als deutsche und deutsch geprägte Stadt abrupt verloren hat. Nicht nur, dass das nördliche Ostpreußen dem sowjetischen Staatsgebiet zugeschlagen wurde und Stallupönen bzw. Ebenrode mit Nesterov auch einen neuen Namen erhielt, noch stärker natürlich die Tatsache, dass mit diesem Wechsel auch die gesamte Wohnbevölkerung ausgetauscht wurde, führte zu einem radikalen Bruch in der örtlichen Tradition und birgt die Gefahr, dass das geschichtliche und kulturelle Erbe Stallupönens dem kollektiven Vergessen anheimfallen könnte.

Da trifft es sich gut, dass Nodnagels Roman in vieler Hinsicht die realen Verhältnisse Stallupönens im Jahre 1893 (teilweise auch der Grenzstadt Eydtkuhnen und des russischen Städtchens Kibarty) exakt, manchmal bis ins Detail, beschreibt. Das betrifft einmal die Schilderung der Topografie: Spaziergänge durch die Straßen, einzelne Plätze, Gebäude, der Schützenpark, der Friedhof, Hotels und Gaststätten sowie Geschäfte, ihre Einrichtung und ihr Personal werden eingehend beschrieben, teilweise durch Gespräche der handelnden Personen farbig illustriert. Einwohner, die damals tatsächlich in Stallupönen gelebt haben, spielen – teils unter ihrem richtigen, teils unter fiktivem Namen – in der Romanhandlung ihre Rolle.

Dies gilt vor allem für Karl Kretzschmer, dessen reales Vorbild Carl Werwath (1840–1933) ist. Carl Werwath führte das Familiengeschäft, eine Kolonialwarenhandlung (s. Abb. S. 21), erfolgreich über viele Jahrzehnte, war Ratsherr (1877–1889), dann Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums (1889–1902), anschließend Stadtverordneten-Vorsteher (1902–1908). 1908 wurde er zum Stadtältesten ernannt. In Nodnagels Nachlass haben sich ein Brief und eine Postkarte Werwaths (s. Abb. S. 8) erhalten, die nachweisen, daß er, der Vorsitzende der Stallupöner Liedertafel, im Sommer 1893 tatsächlich Ernst Otto Nodnagel als Musikdirektor nach Stallupönen verpflichtet hat. Carl Werwaths Lebenserinnerungen sind (Stand März 2010) im Internet zugänglich – http://www.ebenrode.eu. Sie belegen manche der im Roman geschilderten Details über das damalige Stallupönen. Vieles wiederum beschreibt Nodnagel wesentlich genauer als Werwath und macht damit das alte Stallupönen greifbarer. Das ist aus heutiger Sicht die Hauptstärke des Romans und macht ihn lesenswert.

Carl Werwath hatte mit seiner Frau Johanna zehn Kinder, von denen allerdings drei jung starben. Die Namen der übrigen sieben waren Carl, Minna, Max (der später wie sein Vater den Vereinsvorsitz des Männergesangvereins übernahm), Hans, Oscar, Gertrud und Walter. Carl entspricht im Roman der wichtigen Nebenfigur Karlchen, Minna ist Fräulein Maria; für die beiden im Text erwähnten Backfische kann nur Gertrud ein reales Vorbild abgegeben haben.

Andreas Marolt wohnt in Stallupönen im Haus von Frau Fuchsmann, der Großtante von Karlchen Kretzschmer, im Roman durchgehend Tante Malchen genannt. Der wirkliche Familienname von Karlchens Großtante war Wolff. Das Haus, Ecke Goldaper Straße / Bahnhofstraße (s. Abb. S. 44), das schon seit 1881 Carl Werwath gehörte, wurde nach ihrem Tod von Werwath übernommen, umgebaut, bis zum 1. Weltkrieg von seiner Familie bewohnt und nach dem Abzug der russischen Truppen aus dem stark zerstörten Stallupönen 1916 an die Post vermietet (zuletzt: Fahrradhandlung Wilhelm Wischnat, Hindenburgstraße 1). – Im Zusammenhang mit der Übernahme des Hauses scheint auch das ursprünglich größere Grundstück teilweise veräußert, in drei weitere Parzellen aufgeteilt und für neue Wohnbebauung ausgewiesen worden zu sein.

Aus einem der erwähnten Briefe Carl Werwaths an Nodnagel geht hervor, dass der im Roman mundartlich Snallbacker genannte Vorgänger Nodnagels als Stallupöner Musikdirektor tatsächlich Gulbins hieß. – Ein 1927 veröffentlichter Abriss der Geschichte des Männergesangvereins erwähnt unter den früheren Dirigenten neben anderen sehr wohl Gulbins und Meyer-Stolzenau, nicht aber Nodnagel (http://www.ebenrode.eu). Der hatte mit seinem Kurzauftritt den Schritt ins bleibende Gedächtnis der Stadt nicht geschafft.

Im Roman spielt Friedrich Roehl, der Chefredakteur der „Ostdeutschen Grenzboten. Amtliches Organ der Gemeindebehörden von Stallupönen und Eydtkuhnen“, salopp Enterpenter genannt, mehrmals eine Rolle, einmal als Gesprächspartner bei einem Spaziergang im Schützenpark, dann als Verfasser der Kritik eines von Nodnagel geleiteten Konzerts der Liedertafel und des Frauenchors am 28. August. Roehl hat es tatsächlich gegeben. Es ist ein Brief erhalten, den er am 17. August 1893 an Nodnagel gerichtet hat und dessen Inhalt Nodnagel ihm im Roman beim Schützenpark-Gespräch teilweise in den Mund legt. Auch die erwähnte Zeitungskritik vom 29. August befindet sich in Nodnagels Nachlass; sie entspricht in wesentlichen Punkten der Romanschilderung.

Ein – allerdings zeittypisches – Kuriosum
Anzeige in den Ostdeutschen Grenzboten vom 29.8.1893
(nicht im Nachwort der Druckausgabe enthalten)

Es ist wohl nicht abwegig, als reale Person hinter dem Rechtsanwalt Oberhoefer einen Juristen namens Zenthöfer zu vermuten. Als Carl Werwath die Jahre 1914–1916 wegen der russischen Besetzung Ostpreußens in Berlin verbringen musste, hatte er dort jedenfalls – so schreibt er in seinen Erinnerungen – freundschaftlichen Kontakt mit „Justizrat Zenthoefer“. Diese Vermutung wird dadurch bekräftigt, dass das Stallupöner Adressbuch von 1895 den Namen Zenthöfer anführt, nicht dagegen Oberhöfer.

Ein weiterer Abgleich des Romanpersonals mit den Angaben des Stallupöner Adressbuchs von 1895 bringt viele Namensübereinstimmungen. Man darf auch hierin einen Beleg dafür sehen, dass Nodnagel Begebenheiten geschildert hat, die sich tatsächlich so oder ähnlich abgespielt haben. Zur Reihe dieser Namen gehören: Behrend, Gonschorowski, Kabalzar (in dessen Hotel Cabalzar sich die Liedertafel zu ihren Proben und Versammlungen traf), Schneidereit, Stupat, Urbschat.

Soweit die Romanhandlung in Eydtkuhnen und Kirbaty spielt, ist sie teilweise durch Dukumente zu belegen. Dass Nodnagel wiederholt in Eydtkuhnen zu tun hatte, beweist ein erhaltenes Konzertprogramm: Für den 28. Oktober 1893 hatte er einen Liederabend im Saale von Welters Hotel angekündigt und Programmzettel drucken lassen. Da er wohl genau an diesem Tage Stallupönen endgültig wieder verließ, ist es unwahrscheinlich, dass das Konzert überhaupt noch stattgefunden hat. Im Roman spielt es jedenfalls keine Rolle.

Die sehr handfesten und plastischen Schilderungen der drei Besuche im russischen Kibarty erwecken beim Lesen den Eindruck, dass sie nicht frei erfunden sein können. In der Tat hat Nodnagel am 5. Oktober – nach dem russischen Kalender am 23. September – im Saale Fuchsmann einen Liederabend gegeben. Der noch vorliegende Programmzettel belegt die im Roman angegebene Werkfolge immerhin teilweise (s. Abb. S. 181).

Schließlich ist noch festzuhalten, dass andere Romanelemente gewiss nicht mit den damaligen Abläufen übereinstimmen – völlig legitim in einem fiktionalen Text. Das betrifft zunächst einmal Marolts Liebesgeschichte mit Mignon Sternegger. Sie scheint vollkommen erfunden zu sein, einmal um dem Ablauf des Romans ein tragfähiges Nebenthema zu verleihen, andererseits um Raum für musikalische Dialoge auf Augenhöhe zu schaffen. Die kleinen Geplänkel mit der Kellnerin Bertha und der jungen Witwe in Eydtkuhnen mag es so oder ähnlich gegeben haben; hier kann man nichts beweisen oder widerlegen.

Als unzutreffend einzustufen ist jedoch das Motiv, das Marolt überhaupt bewogen hat, von Berlin nach Stallupönen zu gehen. Die eingangs geschilderte, soeben beendete Liebschaft mit Asta ist Erfindung, zumindest in dieser Form. Nodnagel war mit Edda Paul (1870–1953) verheiratet. Die Ehe hielt zwar bis zu Nodnagels Tod, kriselte aber ständig, vor allem wegen Nodnagels Unvermögen, sein Leben nach den allgemein anerkannten Konventionen zu führen. Als Opfer seiner ungewöhnlichen musikalischen wie schriftstellerischen Begabung war er nicht in der Lage, verlässlich Verantwortung für sich und seine Familie zu übernehmen. Deswegen hatte sein Vater, ein in Darmstadt lebender angesehener Schulaufsichtsbeamter, die lange gewährten Zuschüsse zum Lebensunterhalt seines zwar geliebten, aber mit Recht als schwierig empfundenen Sohnes zum Frühjahr 1893 eingestellt. Nodnagel war also darauf angewiesen, seine materielle Lebensgrundlage auf ein solideres Fundament zu stellen. Da kam ihm die Annahme der Stellung in Stallupönen wohl gelegen, was sich allerdings bald als Fehleinschätzung erwies.

Gegen Ende des Romans formuliert Andreas Marolt – aus der Sicht des Autors 1904 – realistisch seine künstlerische Zukunftsperspektive, nämlich Fausts Stoßseufzer „Entbehren sollst du, sollst entbehren“. Schon 1901 hatte Nodnagel sein Lebensmotto stolz, aber resignierend formuliert: „Zeit ist Geld, aber ich bin leider meiner Zeit vorausgeeilt.“

Nodnagels gelegentlich eigenwillige Rechtschreibung blieb unverändert (Triumf, Strofe etc.), die Zeichensetzung erfuhr Korrekturen. Wo Nodnagel in wörtlicher Rede den ostpreußischen Dialekt inkonsequent verwendet, wurde dies mitunter harmonisiert.

Die Veröffentlichung der Abbildungen auf den Seiten 11, 21, 30, 44, 56 und 184 erfolgt mit freundlicher Unterstützung durch Herrn Gert D. Brandstäter, Wildberg.

Hans-Dieter Meyer
Hagen, im März 2010