Ernst Otto Nodnagel: Die Abrechnung

Einführung

Nodnagels Abgang aus Königsberg war erzwungen. Seit dem Prozess Wilhelmi, der schon in Nodnagels erster Königsberger Spielzeit 1899/1900 angestrengt wurde, war dem Chefredakteur Friedrich Wegener und den Aufsichtsgremien der Ostpreußischen Zeitung klar, dass der neue Musikkritiker auch Probleme bereitete. Zwar ermunterte Wegener Nodnagel anfangs immer wieder zu forschem Vorgehen, das Pendel schlug aber bald zurück:

  • Theaterdirektor Varena entzog dem Ostpreußischen Verlag nach einer scharfen Nodnagel-Kritik der Götterdämmerung kurzzeitig Druckaufträge
  • Nodnagel erbat Gehaltvorschüsse
  • Er musste sich einen Teil der Gerichtskosten aus dem Prozess Wilhelmi vorstrecken lassen
  • Er kam seinen Königsberger Verpflichtungen wegen anderweitiger Aufgaben in Berlin und anderswo nicht vollständig nach.

Schon in der Sommerpause 1900 war fraglich, ob sein Kontrakt verlängert werden würde. Nodnagel stimmte einem Vorschlag Wegeners zu, dass der bei problematischen Formulierungen in seine Kritiken redigierend eingreifen dürfe, zog seine Zustimmung Anfang 1902 aber wieder zurück.

Der Anlass für das endgültige Ausscheiden Nodnagels war eine Lappalie, sicher nur ein willkommener Vorwand, der aus Sicht der Ostpreußischen Zeitung die Lösung eines Personalproblems erleichterte.

Nodnagel selbst schrieb hierüber in seiner Streitschrift (S. 24):

Ich will zum Abschluß dieser Aufzählung noch ein lehrreiches Geschichtchen erzählen, dessen passive Heldin unsere derzeitige Primadonna, Frl. Brauer ist. Als diese Künstlerin in Königsberg auf Engagement gastierte, hatte meine Kritik ihrer Leistung an einer Stelle folgenden Wortlaut:
„Die Stimme klingt jetzt ausgesungen und wird bei dieser Art der Singerei nach weiteren drei Jahren passé défini sein“.
Herr Doempke begrüßte gleichzeitig dieselbe Sängerin enthusiastisch als „Vertreterin einer wahrhaft künstlerischen Tonbildung“ und setzte so ihr Engagement durch.

Zu der französischen Wendung fügte Nodnagel in einer Fußnote aus:

Ein ostpreußischer Junker, Baron König-Watzum (-Wartnicken), beklagte sich anläßlich dieser Wendung brieflich und mit Namensunterschrift bei meiner Redaktion, daß ich „Fremdwörter unrichtig verwende und Ausdrücke gebrauche, die für einen Franzosen in dieser Verbindung und an dieser Stelle nicht verständlich (!!) sein müssen und für jeden (!) Deutschen, der der französischen Sprache mächtig ist, als ein grober Verstoß gegen dieselbe erscheinen!“ In der Einsicht, wie beschämend dumm doch au fond so ein – Musikkritiker ist, bin ich entschlossen, nachdem ich zum Teil den Umtrieben des sinnreichen Junkers König die Entbindung und Ablösung von meinem „vierjährigen Posten“ zu verdanken habe, mich vorwiegend dem für mich so viel chancenreicheren Kartoffelbau zu widmen.

Nodnagel litt unter dem Zwang, Recht behalten zu wollen; sachliche Widerlegungen oder gar Zurechtweisungen lösten reflexartig Rechtfertigungen aus; zum Eingeständnis von Fehlern in Kleinigkeiten war er bereit, wenn der Sachverhalt offenkundig war. Sobald es „ans Eingemachte“ ging, kämpfte er beharrlich und trat auch nach.

Das markanteste Beispiel ist Nodnagels Reaktion nach dem Weggang aus Königsberg. Es kam zu einer großen Abrechnung mit Gustav Doempke und dessen Feuilletonchef Emil Krause. Nodnagel veröffentlichte noch 1903 beim Verlag Seefeldt, Charlottenburg, seine Schrift:

Versimpelung der Musikkritik
oder
Kannegießer als Erzieher
Ein Vademekum für das Diobskurenpaar
EMIL KRAUSE und GUSTAV DOEMPKE
op. 37.

Teils sachlich, teils ironisch, teils zynisch speit Nodnagel hier Gift und Galle. Die Versimpelung liest sich erfrischend, weil der Autor sich keine taktische Zurückhaltung auferlegt. Der heutige Leser sieht aber sofort, dass eine derart geschriebene Philippika in Königsberg keine unmittelbare Wirkung hinterlassen konnte, schon gar nicht bei den unmittelbaren Adressaten.

Andererseits urteilte Erwin Kroll (Musikstadt Königsberg, S. 160) aus zeitlichem Abstand – und dies ist die späte Ehrenrettung durch einen mit der Königsberger Musikszene eng verbundenen Zeitzeugen:

Was hier zu Papier gebracht ist an Vorwürfen, Verdächtigungen, schweren Anrempelungen, aber auch an leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen um den musikalischen Fortschritt, das ist bezeichnend für gewisse Wandlungen der Musikstadt Königsberg, die (wie später von Hermann Scherchen) von dem fanatisch fortschrittlichen Feuergeist Nodnagel aufgerüttelt wurde.

An dieser Einschätzung von Kroll sieht man, dass Nodnagel sich, als er sein Pamphlet abfasste, wieder einmal – zu Recht – seiner Zeit voraus fühlte.

Die Versimpelung ist hier als Scan-Datei im PDF-Format zu erreichen. Wegen der Dateigröße (etwa 10 MB) muss mit spürbaren Ladezeiten gerechnet werden.