Ernst Otto Nodnagel: Doempke

Urfehde: Gustav Doempke

 

Zur Person

Gustav Doempke (1853–1923) war in den 1870er Jahren und von 1887 bis zu seinem Tod Musikkritiker in Königsberg, zuerst bei der Königsberger Allgemeinen Zeitung und ab 1897 bei der Hartungschen Zeitung. Vor und nach 1880 war er mehrere Jahre in Wien und wurde dort in den Kreis um den Starkritiker jener Zeit, Eduard Hanslick, aufgenommen; dabei machte er auch die Bekanntschaft von Johannes Brahms. Diese Begegnungen prägten Doempke nachhaltig; sie bewirkten sein Eintreten für Brahms und die Wiener Klassik, gleichzeitig auch seine unbedingte Gegnerschaft zu den „Neudeutschen“: Wagner, Liszt und Bruckner wurden bekämpft. Doempke vertrat seine Haltung in Wien als Kritiker der Wiener Allgemeinen Zeitung, wo er sich besonders heftig in der damals aktuellen Diskussion um Anton Bruckner exponierte.

Hier nur einige Brucknerzitate aus Doempkes Feder:

  • „Bruckner ist bei weitem der Gefährlichste unter den musikalischen Neuern des Tages. Seine Musik duftet nach himmlischen Rosen und stinkt von höllischem Schwefel!“
  • Zum Adagio der 7. Symphonie: „Wir schaudern vor dem Modergeruch, der aus den Missklängen dieses verwesungssüchtigen Contrapunkts in unsere Nasen dringt.“
  • „Bruckner componirt wie ein Betrunkener.”

Seine Linie hat Doempke als der für Jahrzehnte einflussreichste Königsberger Musikkritiker bis zu seinem Tode konsequent beibehalten und damit das Königsberger Musikleben jener Jahre entscheidend geprägt.

Gustav Doempke
(Quelle – Fischer: Königsberger Hartungsche Dramaturgie)

 

Das Bach-Brahms-Kränzchen

Merkwürdig widersprüchlich sind die Äußerungen von Zeitgenossen über eine von Doempke zwar nicht ins Leben gerufene, aber bald übernommene und geleitete Institution: das Bach-Brahms-Kränzchen. Hier trafen sich Königsberger Musikfreunde, um Lieder, Klaviermusik oder Kammermusik zu hören. Doempke gab die Einführung, die er oft mit Beispielen am Klavier erläuterte, entweder von ihm selbst oder seiner Frau gespielt. Natürlich standen hier Werke von Brahms im Mittelpunkt.

Viele Königsberger haben hier in ihrer Jugend wichtige Einblicke in die Musik erhalten und haben das Kränzchen gegen überzogene Kritik verteidigt. Hierzu gehörte auch Erich Kroll, der im Ostpreußenblatt vom 22.11.1958 schrieb:

Dömpke hat die Brahmspflege in Königsberg entscheidend beeinflußt; zunächst durch seine nach Form und Gehalt meisterhaften, von Kopf und Herz eingegebenen Kritiken in der Hartungschen Zeitung, dann aber auch durch das Bach-Brahms-Kränzchen, in welchem er die besten Musikfreunde und Musiker um sich scharte. Hermann Sudermann hat Unrecht, in seinem Roman „Die Frau des Steffen Fromholt“ über dieses Kränzchen zu spotten.

Was nun hat Sudermann in seinem Roman geschrieben? Er schildert die Eindrücke eines jungen Malers, dem gerade der große Durchbruch gelungen ist und der sich am Rande eines Besuchs in Ostpreußen von dem provinziellen Habitus der Kulturszene abgestoßen fühlt:

Und dann diese Kunstgenüsse!
Das Theater lichtsparend und kohlschwarz vergoldet, halbvoll von Menschen in Wollblusen und Schmutzstiefeln. – „Martha“ – „Alessandro Stradella“ – „Der Veilchenfresser“ – und was sonst gespenstisch in den Spielplänen der Provinztheater herumirrte.
Das höchste der Gefühle aber nannte sich „Bach-Verein“, gegründet zur Pflege klassischer Musik von dem hochverdienten Kritiker der „Hansazeitung“. Ein Kerl, wie dem Struwwelpeter entnommen, mit rotbrauner, verfilzter Mähne und schmuddligem Hemdkragen, obwohl es Sonntagnachmittag war. Der tanzte wild vor den Bänken herum, sprach andauernd in Fachausdrücken und holte ab und zu ein paar harte Töne aus einem geöffneten Flügel heraus, um das Gesagte den Zuhörern noch tiefer in die Seelen zu hämmern.
Und diese Zuhörer selber! Zuhörerinnen vielmehr. Denn die Weiblichkeit war weit in der Mehrzahl. – Eine solche Musterkarte von Scheußlichkeiten war noch niemals beisammen gewesen. Das mieseste Altjungferntum der Stadt schien hier zu einem Stelldichein vereint, extra, um ihn noch mehr zu verärgern. Vorweltliche Kompotthüte, kahl geschabte Pelzkragen und über all dem der Moderduft des Mottenschranks.
[Hermann Sudermann: Die Frau des Steffen Tromholt. Cotta, Berlin und Stuttgart 1929, S. 65]

Kroll verkennt bei seiner Kritik an Sudermann natürlich, dass es hier nicht um eine objektive Beschreibung eines Sachverhalts geht, sondern um die Schilderung der seelischen Situation eines jungen Künstlers, der gerade dabei ist, den Gegebenheiten seiner Jugend und Adoleszenz zu entwachsen und dabei Attribute der Enge und Provinzialität übersensibel wahrnimmt.

Man lese hierzu auch Nodnagels kritische Ausführungen im Kapitel Die Abrechnung, wo Nodnagel auf den Seiten 49–51 seiner Versimpelung der Musikkritik auf das Bach-Brahms-Kränzchen eingeht.

Das Verhältnis Doempke / Nodnagel

Dieses Portal stützt sich bei der Schilderung der Königsberger Kulturszene um 1900 stark auf den Nachlass Ernst Otto Nodnagels, der in Bezug auf Doempke Partei war. Otto Besch schildert das Verhältnis im Ostpreußenblatt vom 28.4.2001, nachdem er auf die Königsberger Wagner-Anhänger Louis Köhler und Constanz Berneker eingegangen war, so:

Auf der anderen Seite stand, allerdings etwas später erst, Gustav Dömpke. Gleichzeitig mit ihm wirkte in Königsberg um die Jahrhundertwende Ernst-Otto Nodnagel, ein fanatischer Apostel des Fortschritts, einer der ersten Pioniere Hugo Wolfs. Zwischen ihm und Dömpke war sofort Urfehde angesagt. Unter dem Titel "Kannegießer als Erzieher" ließ Nodnagel eine Broschüre erscheinen, in der das "Diobskurenpaar" Dömpke und Emil Krause (damals Literaturpapst der Hartungschen Zeitung) unbarmherzig mit Spott übergossen wurde.
Dömpke ließ sich dadurch nicht im geringsten anfechten. Wagner und Bruckner wurden bei jeder Gelegenheit aufs schärfste angegriffen. Ganz zu schweigen von Richard Strauß, Reger und Pfitzner.

Damit Doempke hier nicht ungerecht, nämlich zu stark aus der Position Nodnagels betrachtet wird, gibt es einen Link zum Nachruf Ludwig Goldsteins. Goldstein war der langjährige Kollege Doempkes bei der Hartungschen Zeitung, wo er als Schauspielkritiker wirkte.

Kroll schreibt in "Musikstadt Königsberg" (S. 158–160. – s. Auswahlbibliografie) über Doempke, sein Verhältnis zu Nodnagel und das Bach-Brahms-Kränzchen:

Fraglos hat Dömpke das Musikleben Königsbergs nachhaltig beeinflußt. Die Lichtseiten seines Wirkens waren stärker als die Schattenseiten. Aber Sätze, die seiner Feder entstammen, wie: ,,Webers ,Euryanthe‘ ist das Basilisken-Ei, aus dem der Drache der neuen Musik gekrochen ist", oder ,,Bruckners Sinfonien sind Fantasien eines Betrunkenen" befremdeten mit Recht viele, und so hatte Dömpke in Königsberg nicht nur Anhänger, sondern auch Feinde. Dazu kam, daß er mit den Jahren immer schrulliger wurde und sein Äußeres immer weniger pflegte. Mit seinem sonderbaren Gehabe forderte er den Spott geradezu heraus, und besonders schlecht kommt sein „Bach-Brahms-Kränzchen“ bei Hermann Sudermann weg, der von ihm in seinem Roman ,,Die Frau des Steffen Tromholt“ eine geradezu gehässige Schilderung gibt. Diese Schilderung mag grotesk überspitzt sein. Aber Dömpke wird bei der Fehde, die sein Kollege Ernst Otto Nodnagel gegen ihn führte, nicht besser behandelt. Nodnagel war 1899–1903 Musikkritiker der Ostpreußischen Zeitung. 1870 in Dortmund geboren, studierte er 1888–1892 in Heidelberg und Berlin, komponierte u. a. sinfonische Dichtungen, die er ,,Symbolien“ nannte, und war, wie eine in seine Königsberger Zeit fallende Schrift erweist, leidenschaftlicher Vorkämpfer der damals modernsten Musik. (E. O. Nodnagel, ,,Jenseits von Wagner und Liszt“, Königsberg 1902.) Die Ursache der Fehde zwischen beiden Kritikern war die Unvereinbarkeit ihrer musikalischen Ideale. Der äußere Anlaß ergab sich, als der Sänger Wilhelmi, Bassist des Stadttheaters, Nodnagel wegen Beleidigung verklagte und Dömpke als Sachverständiger vor Gericht behauptete, so wie Nodnagel dürfe man nicht kritisieren. Dessen ,,Symbolien“, ,,Vom tapferen Schneiderlein“ und ,,L'Adultera“ wurden in den Konzerten Brodes und Wendels aufgeführt. Ich selbst, damals noch Gymnasiast, erlebte das letztgenannte Werk in Julchenthal. Dömpke bezeichnete es als ,,schauerlichen Schund". Oft habe ich in jenen Jahren Nodnagel gesehen, wenn er, das dunkle Wagnerbarett über den Kopf gezogen, bleichen Gesichts durch die Straßen eilte, und sein treuester damaliger Gesangschüler, Felix Borbe, der später als Konzert- und Opernsänger weit in Deutschland herumkam, hat mir Anfang der sechziger Jahre in Berlin viel von seinem Lehrer erzählt – auch von dessen schauerlichem Tode. Nodnagel endete nämlich (1909) wie Hugo Wolf, dessen ,,Rattenfänger“ er in seinem ersten Königsberger Konzert gesungen hatte. Es erregte einiges Aufsehen, als er eine Streitschrift veröffentlichte, die folgenden Titel führte: ,,Versimpelung der Musikkritik oder Kannegießer als Erzieher. Ein Vademecum für das Diobskurenpaar Emil Krause und Gustav Dömpke“. (Charlottenburg 1903. op. 37.) Was hier zu Papier gebracht ist an Vorwürfen, Verdächtigungen, schweren Anrempelungen, aber auch an leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen um den musikalischen Fortschritt, das ist bezeichnend für gewisse Wandlungen der Musikstadt Königsberg, die (wie später von Hermann Scherchen) von dem fanatisch fortschrittlichen Feuergeist Nodnagel aufgerüttelt wurde.

Nodnagel war als Gegengewicht zum engen und einseitigen Doempke nach Königsberg verpflichtet worden. Nodnagel kämpfte mit offenem Visier. Es gibt nur wenige Kritiken, in denen er Doempke nicht direkt oder wenigstens mit einer Nebenbemerkung angeht. Hier standen sich zwei unbedingte Kämpfer für ihre Sache gegenüber. Dabei nannte Nodnagel seinen Widerpart nie direkt beim Namen, aber jeder Leser wusste, woran er war (s. Kritiken vom 6.4.1901 oder 24.2.1902, wo der Bezug durch eine Fußnote erläutert wird). Man darf aber sicher sein, dass regelmäßig, wenn Nodnagel – ohne explizite Namensnennung – auf eine Königsberger Kritik ansprach, Doempke gemeint war. – Es bezeichnet die Königsberger Verhältnisse, dass Positionen, die Nodnagel vertrat, erst nach dem Ersten Weltkrieg breiteren Raum gewannen (mit Ausnahme Wagners, wo selbst Doempke es nicht schaffte, dessen regelmäßige Bühnenpräsenz einzuschränken). Doempke hat – was die Öffnung gegenüber neueren musikalischen Entwicklungern betrifft – in und für Königsberg zu retardierend gewirkt.

Nach seinem Weggang aus Königsberg rechnete Nodnagel mit Gustav Doempke und dessen Feuilletonchef und Schauspiel-Kritikerkollegen Emil Krause in einer polemischen Streitschrift ab: Versimpelung der Musikkritik oder Kannegießer als Erzieher. Diese Broschüre wird unter einem eigenen Menüpunkt vollständig dokumentiert.